Beim Laufen bekommt Torsten Oestmann den Kopf frei. Der Bürgermeisterkandidat für die Stadt Rotenburg joggt dreimal pro Woche.

Rotenburg – Ginge es nach Torsten Oestmann, dann würde das Gespräch mit dieser Zeitung im Wald stattfinden – am besten in Sportzeug, mit Tempo und am Ende schweißgebadet. Der Sottrumer, der Bürgermeister von Rotenburg werden möchte, liebt das Laufen. „Schuhe an und los“, sagt er sich dreimal die Woche, standardmäßig jeweils rund sechs Kilometer. „Manchmal sind es auch zehn, aber da muss ich schon richtig Lust zu haben.“ Das kommt ihm nun zugute, denn Wahlkampf ist bekanntlich eine Sache der Ausdauer.

Rotenburg – Ginge es nach Torsten Oestmann, dann würde das Gespräch mit dieser Zeitung im Wald stattfinden – am besten in Sportzeug, mit Tempo und am Ende schweißgebadet. Der Sottrumer, der Bürgermeister von Rotenburg werden möchte, liebt das Laufen. „Schuhe an und los“, sagt er sich dreimal die Woche, standardmäßig jeweils rund sechs Kilometer. „Manchmal sind es auch zehn, aber da muss ich schon richtig Lust zu haben.“ Das kommt ihm nun zugute, denn Wahlkampf ist bekanntlich eine Sache der Ausdauer.

Statt Waldlauf gibt es aber ein entspanntes Gespräch am zweitliebsten Ort: die überdachte Terrasse mit Blick auf den beinahe perfekt aufgeräumten Garten. Der sonnenbeschienene Rasen ist gemäht, der Pool abgedeckt. Neben Teich und Schuppen steht ein mit Holzresten gefüllter Steingrill, am Rande der überdachten Fläche mit Gartentisch und -stühlen verdorren kleine Büsche in hellen Töpfen. Der Bürgermeisterkandidat öffnet die Fliegengittertür Marke Eigenbau und bringt zwei Tassen aus der Küche. Er trägt ein dunkles T-Shirt, blaue Jeans und schwarze Crocs. Es duftet nach Kaffee, er trinkt seinen mit einem Schuss Milch.

Wo andere sich vielleicht in Hemd und Anzughose vor ein Bücherregal gesetzt hätten, erlaubt Oestmann sich ein lässigeres Auftreten. Shirt statt Sakko, Crocs statt Lackschuh. Er zeigt sich nahbar, wenn er sagt, dass seine größten Stärken in seiner Ehrlichkeit und in seinem ausgleichenden Wesen liegen. „Ich bin immer gerade heraus, bei mir weiß man, woran man ist.“ Von seiner ausgleichenden Art möchte der Bürgermeisterkandidat im Falle seiner Wahl auch im Stadtrat profitieren. Zu seinen ersten dortigen Anstrengungen würde es nämlich gehören, den oft schroffen Ton zu mildern und Diskussionen auf die Sachebene zurückzubringen. „Wir brauchen einen pfleglichen Umgang miteinander in der Politik, auch wenn die Auffassungen mal sehr unterschiedlich sind.“

Seine größten Schwächen: englisches Weingummi und Ungeduld, vor allem mit sich selbst: „Ich muss Dinge zügig abarbeiten, da setze ich mich gern selbst unter Druck“, sagt er. Fleiß als Schwäche: ein verzeihbarer Makel – vielleicht auch unschuldiger Kniff, wie man ihn aus Bewerbungsgesprächen kennt.

Mit Druck und Ausdauer kann man weit kommen. Oestmann hat es damit vom Streifenpolizisten bis zum Leiter der Polizeiinspektion Rotenburg gebracht. Dabei hat der heute 57-Jährige nach seinem Abitur zunächst ganz andere Pläne: „Ich hatte vor, zur Journalistenschule zu gehen“, sagt er, verschwindet kurz und kehrt mit einem staubigen Ordner zurück. Darin vergilbte Artikel aus dem Zeitraum von 1981 bis 1983 aus der Rotenburger Kreiszeitung – mit seinem Kürzel „to“. Bis zum Abitur schreibt der damalige Schüler thematisch „alles quer durch den Garten“, wie Oestmann heute sagt: vom Porträt über den Zeitungssammler aus Völkersen bis hin zum Einsatzgeschehen der Feuerwehr.

Letztlich führt der Weg aber doch zur Polizei. „Da gab es ja noch die Wehrpflicht. Und an der kam ich nicht einfach so vorbei“, sagt Oestmann und lacht. Die Idee, in den Polizeidienst zu gehen, kommt von seinem Vater. „Ich habe mir das dann angeschaut und es hat gepasst. Für mich ist der Dienst am Menschen spannend, die Arbeit ist abwechslungsreich – ich habe es bis heute nicht bereut“, sagt er. Wenngleich in der Rückschau auf fast 40 Jahre Dienst vor allem unschöne Ereignisse zutage treten: Schwere Unglücksfälle, bei denen der Polizist die Namen der Opfer bis heute nicht vergisst, zum Beispiel. Unvergessen auch eine NPD-Demo mit 1 200 Teilnehmern in Stade, wo Oestmann und Kollegen für den Schutz der Demonstranten sorgen müssen, die Öffentlichkeitsarbeit bei Castor-Transporten bis 2011 und bei der Arbeit der Soko Levke.

Beruflich habe ich meine Ziele eigentlich erreicht“, sagt der Polizeibeamte, sein Job macht ihm „unwahrscheinlich viel Spaß“. Sollte er aber tatsächlich Bürgermeister werden, böte sich ihm aber die Gelegenheit, in seiner alten Heimatstadt etwas zu gestalten. „Das ist etwas ganz anderes, etwas Besonderes“, sagt Oestmann. Das nötige Rüstzeug für den Posten im Rathaus habe er: Die Verwaltungs- und Führungserfahrung bringe er aus seiner Karriere mit.

Wünsche zu den Gestaltungsmöglichkeiten erfragt der Kandidat auf seiner Homepage: drei Stück pro Schreiber. Fragt man ihn nach seinen eigenen drei Wünschen für Rotenburg, kommt der erste wie aus der Pistole geschossen: Möglichst alle sollen sich wohlfühlen. Dazu gehöre eine gute Verkehrssituation, aber auch Sicherheit – gefühlte wie echte, so der Polizist. Aber auch, dass die Wirtschaft funktioniert, dass Jugend richtig eingebunden und mit ihren Wünschen gehört wird, beispielsweise über ein Jugendparlament. Der bessere Umgang im Erwachsenenparlament ist der zweite Wunsch, der dritte ist der nach einem „relativ normalen Leben ohne Kontaktbeschränkungen und Auflagen mit viel Miteinander, Beisammensein, Kunst, Kultur und Sport. Gerade für die jüngere und die ältere Generation ist dies sehr wichtig, sie haben nach meiner Auffassung bisher am meisten gelitten.“

Die vollständige Erfüllung dieser und vieler weiterer Wünsche: Es klingt illusorisch, das sagt auch Oestmann selbst. Trotzdem will er in der Stadt anpacken. Kein Wunder. Er wuchs in Rotenburg auf, hat dort seine engsten Freunde. Und eigentlich hätten die Oestmanns auch gern dort gebaut, aber in Sottrum bot sich im Gegensatz zur Kreisstadt 1995 eine günstige Alternative – er und seine Frau Beate wollen nun, da die Söhne groß sind, aber gerne einen zweiten Anlauf mit dem Haus in Rotenburg starten. „Unabhängig von der Kandidatur“, wie Oestmann betont.

Abseits von Schreibtisch und Dienstuniform ist Oestmann auch mal ein gemütlicher Typ: Am Wochenende schläft er aus, wenn nicht gerade Wahlkampf ist, er „chillt gern im Garten“, wie er sagt. Er fotografiert alles, was vor die Linse kommt. Früher entwickelte er noch in der eigenen Dunkelkammer – inzwischen aber digital mit einer „vernünftigen Kompaktkamera“. Für Reisefotografie ist dann viel Zeit, wenn er mit Frau Beate in dem Camper unterwegs ist, der derzeit verwaist in der Einfahrt steht. „Wir fahren hin, wo es Spaß macht“, sagt Oestmann. Meistens Südeuropa, Frankreich, Kroatien.

Familie steht für ihn an erster Stelle. Sie macht während des Karriereaufstiegs viel mit, wofür der Polizeichef dankbar ist: Als Oestmann in den höheren Dienst aufsteigt, sorgen die Lehrgänge dafür, dass er nur wenig zuhause ist: „Zwei Jahre lang führten wir eine Wochenendbeziehung. In dieser Zeit haben sich die Kinder auch etwas von mir entfremdet, was mir sehr wehgetan hat“, sagt er. Aber das ging spätestens mit dem geregelten Tagesdienst vorbei.

Etwas irritiert war seine Frau dann aber doch, als ihr Mann den Willen äußerte, für das Bürgermeisteramt anzutreten. „Bist du verrückt, hat sie mich gefragt“, sagt Oestmann grinsend. Inzwischen gehört seine bessere Hälfte aber zu seinen engagiertesten Unterstützern. „Ich habe wirklich eine tolle Familie und ich bin froh, dass alles so gelaufen ist.“

Quelle: Rotenburger Kreiszeitung

Foto: Schultz