Torsten Oestmann will Bürgermeister in Rotenburg werden.

Nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur für den Bürgermeister-Posten in Rotenburg hat Torsten Oestmann erst einmal die Stadt verlassen. Inzwischen ist er wieder zurück. Wir haben ihn getroffen und nicht nur gefragt, wie denn der Urlaub war.

Kurz nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur für den Bürgermeister-Posten in Rotenburg bei der Wahl 2021 hat Torsten Oestmann erst einmal die Stadt verlassen. Inzwischen ist er gut erholt wieder zurück. Wir haben ihn getroffen.

Herr Oestmann, wie war der Urlaub?

Entspannt.

Sind Sie zu Hause geblieben?

Nein, wir sind Camper und waren mit dem Wohnwagen in Italien.

Ihre Ankündigung kurz zuvor, als Bürgermeister kandidieren zu wollen, war in der Stadt eine große Überraschung. Bei der Polizei auch?

Bei der Polizei auch. Damit hat keiner gerechnet. Ich hatte es ja auch erst einen Tag vorher bekannt gegeben. Da waren einige überrascht.

Wer ist auf Sie zu gekommen und hat gefragt, und was haben Sie da gedacht?

Das war ein Mitglied der SPD.

Wer?

Namen spielen keine Rolle (lacht). Das habe ich so vereinbart. Auch ich war erst überrascht, weil ich mich selbst in dieser Rolle gar nicht gesehen hatte. „Donnerwetter“, dachte ich. Das war wirklich so. Denn ich bin zufrieden als Polizeibeamter, gerade auch jetzt in der Position hier in Rotenburg, meiner alten Heimatstadt. Die Frage hat mich aber zum Nachdenken gebracht, und nach zwei, drei Wochen sowie mehreren Gesprächen mit Bekannten wurde mir klar: Ja, das wäre was für mich. Darauf angesprochen zu werden, ist eine Ehre. Es muss ja auch mit mir als Mensch zu tun haben.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ich bin ein politischer Mensch. Sonst sollte man diesen Job auch nicht machen. Aber ich bin in meinem Privatleben politisch und damit nicht öffentlich so bekannt geworden.

Der amtierende Bürgermeister Andreas Weber hat – bei allem Ärger mit der Politik und auch mit der Presse – immer wieder betont, das Bürgermeisteramt sei sein Traumjob. Gilt das für Sie auch?

Das weiß ich noch nicht. Ich habe einen Traumjob als Polizeichef hier in Rotenburg. Ich kann mir aber tatsächlich vorstellen, dass es ein zweiter Traumjob werden kann – nach allem, was ich jetzt über ihn weiß.

Was spricht denn dafür, diesen Traumjob bei der Polizei aufzugeben?

Ich sage es mal so: mehr Gestaltungsmöglichkeiten an einem Ort, der mich in meiner Kindheit, Jugend und auch in der Erwachsenenzeit begleitet hat. Das ist eine sehr reizvolle Herausforderung.

Sie waren beruflich bedingt einige Jahre nicht in Rotenburg. Wie schauen Sie heute auf diese Stadt?

Es ist ja so, dass ich hier ständig Kontakt in die Stadt hatte. Wir wohnen im Nahbereich. Man ist hier zum Einkaufen, meine Eltern wohnen hier, die ich besuche. Ich war also nie weg von Rotenburg. Was ich in der Zeit nicht hatte, aber als positiv ansehe, ist, dass ich in die gesellschaftliche Entwicklung nicht so involviert gewesen bin. An den Netzwerken, die sich vielleicht gebildet haben, war ich nicht beteiligt. Das ist ein großer Vorteil. Rotenburg ist – auch im Vergleich mit einigen anderen Städten – eine Stadt, in der Leben herrscht. Und Rotenburg hat sich weiterentwickelt.

Ziehen Sie nach Rotenburg im Falle eines Wahlsieges?

Das kann ich nicht versprechen. Ich stehe unabhängig von der Kandidatur seit dem vergangenen Jahr auf der Bewerberliste für Grundstücke in Rotenburg. Aber es muss passen. Wenn es passt, ziehen wir nach Rotenburg.

Wie politisch muss ein Bürgermeister sein?

Ich sehe mich da eher in der Managerrolle. Zum einen – ganz wesentlich – ist man Chef der Verwaltung. Das bedeutet, als Führungskraft vernünftig unterwegs zu sein. Die zweite Rolle ist natürlich die des Politikers in Zusammenarbeit mit dem Stadtrat sowie in Zusammenarbeit mit und im Kontakt zur Bevölkerung. Das werde ich zusammenbringen. Für mich ist die überparteiliche Rolle, die ich eingenommen habe, sehr wichtig. Ich bin nicht nominiert worden und werde auch nicht nominiert. Sondern die Parteien (Anm. d. Red.: SPD und Grüne) haben mir eindeutig ihre Unterstützung zugesagt. Von vornherein habe ich gesagt, dass ich in keine Partei eintreten werde.

Dabei bleibt es auch?

Ja, dabei bleibt es. Und wenn jetzt in den Foren vom grünen Polizisten die Rede ist, muss ich sagen: Nein, ich werde von SPD und Grünen unterstützt. Was nicht heißt, wenn die CDU auf mich zugekommen wäre – oder die FDP und WIR –, hätte es nicht auch Gespräche gegeben.

Also wären Sie auch für die CDU angetreten?

Das weiß ich nicht. Aber auf Gespräche hätte ich mich eingelassen. Das ist jetzt hinfällig geworden. Jetzt mit der SPD und den Grünen ist es so: Die Chemie hat gestimmt, menschlich hat es gepasst. Man traut mir diese Aufgabe zu. Politisch haben wir eine große Schnittmenge ausgemacht. Aber das ist keine komplette Abdeckung – und das ist mir wichtig, weil ich sehr wohl auch Schnittmengen mit der CDU sowie in Richtung FDP und WIR habe. Daher bezeichne ich mich als überparteilichen Kandidaten, der diese Rolle so auch im Stadtrat einnehmen wird.

Sie müssen als Einzelbewerber 170 Unterschriften beibringen, um auf dem Wahlzettel zu landen – dafür reichen die Mitglieder der SPD und der Grünen in Rotenburg nicht aus. Woher sollen die anderen Unterschriften kommen?

Ganz wichtig: Es war eine bewusste Entscheidung, dass mich keine Partei aufstellt. Meine Idee ist, das auch schon mit ersten Gesprächen zu verknüpfen.

SPD und Grüne suchen ja auch noch einen Landratskandidaten. Wäre das nicht auch etwas für Sie?

Ich habe munkeln gehört, dass dabei auch mein Name durchaus eine Rolle gespielt haben soll. Aber ich bin nicht offiziell gefragt worden, und wenn ich vor der Entscheidung stünde, tendiere ich tatsächlich Richtung Bürgermeister der Stadt Rotenburg, weil ich mich inhaltlich damit viel besser identifizieren kann.

Wie sieht das die Familie?

Nach der Anfrage habe ich am Abend gleich mit meiner Frau gesprochen. Auch sie war extrem überrascht und verhalten. Weil auch sie weiß, dass ich gerne Polizist bin. Nachdem wir uns einig waren, kamen dann noch unsere beiden Söhne mit ins Spiel. Dann waren wir uns einig. Ohne Unterstützung der Familie geht’s nicht.

Ein Politiker hat auch immer mal wieder Probleme mit der Presse. Sie haben vor langer Zeit immerhin mal selbst für die Kreiszeitung gearbeitet und kennen das Geschäft ...

Als freier Mitarbeiter habe ich für die Kreiszeitung geschrieben. In der Zeit rund ums Abitur – ein Jahr davor und eines danach. Das waren zwei hochinteressante Jahre. Zur Presse habe ich immer Kontakt gehabt. Bei mehreren Sonderkommissionen habe ich die Pressearbeit geleitet, über mehrere Jahre auch die bei den Castor-Transporten. Für mich ist die Presse ein wesentliches Organ. Wenn man sauber und fair miteinander umgeht, dann hat man es im Leben auch wesentlich einfacher – das gilt in anderen Bereichen ebenso. Die Presse hat eine extrem wichtige Rolle. Manchmal wird sie auch ein Stück unbequem. Das ist wichtig in der Demokratie.

Worin liegt die größte Herausforderung für den nächsten Bürgermeister?

Die größte Herausforderung ist das, was wir an Möglichkeiten haben, so umzusetzen, dass wir am Ende einen höchst möglichen Zufriedenheitsfaktor erreichen. Auf jeden Fall will ich das Thema Beteiligung angreifen. Es wird immer wieder eingefordert, teilweise sehr lautstark. Also, wie kriege ich die Bürger, vor allem auch die Jugend, näher an das politische Geschäft heran? Wenn wir aber stark beteiligen wollen, dann müssen die Beteiligung und ihre Ergebnisse auch verwaltungstechnisch begleitet werden. Da muss die Politik mitziehen, auch bei der Frage, eventuell eine zusätzliche Stelle hierfür zu schaffen.

Erst ein Soldat, dann ein Polizist, nun noch einer: Die Reihe der hauptamtlichen Bürgermeister weist möglicherweise eine gewisse inhaltliche Kontinuität auf. Braucht die Stadt eine harte Hand?

Nein, das glaube ich nicht. Das ist Zufall. Polizisten haben gemein, dass sie sich für die Bevölkerung und den Rechtsstaat engagieren. Das sind oft Gründe, zur Polizei zu gehen. Bei mir war das so. Das spricht auch für den Bürgermeister.

Welche Themen stehen bei Ihnen oben an?

Ein Thema ist die Beteiligung. Da denke ich auch an digitale Medien und Diskussionsforen. Weitere Themen sind gesetzt – von der Grundanlage her. Zum Beispiel die Stadtentwicklung sowie das Verkehrskonzept und deren Umsetzung.

Was ist, wenn es nicht klappt bei der Wahl?

Wenn es nicht klappt, wäre ich erst einmal enttäuscht. So etwas geht man nur an, wenn man gewinnen will. Aber dann werde ich mich wieder auf den Job als Polizeichef konzentrieren und meine Freude daran haben. Ich will da auch gar nicht fliehen. Aber da bildet sich mit dem Amt des Bürgermeisters am Horizont noch eine anders geartete Chance ab.

Die Gegenseite wird im Wahlkampf argumentieren: Sie haben keine politische Erfahrung und noch nicht in der Verwaltung gearbeitet. Wie kontern Sie das?

Das muss ja kein Nachteil sein. Was ich habe, ist eine starke Verwaltungserfahrung. Auch in Polizei untypischen Bereichen, ich war sechs Jahre Personalchef für 2 800 Leute bei der Polizeidirektion, habe Führungserfahrung seit den 90er Jahren gesammelt, und ich bin extrem konflikterfahren. Das ist auch alles Politik gewesen.

Welche Frage an Sie habe ich vergessen zu stellen?

Oh, da fällt mir eigentlich gar nichts ein.

Zur Person

Torsten Oestmann wurde 1964 in Aschaffenburg geboren und kam mit drei Jahren nach Rotenburg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne – 22 und 26 Jahre alt. Oestmann ist in Rotenburg aufgewachsen und zur Schule gegangen, hat 1983 das Abitur am Ratsgymnasium gemacht. Danach hat er die Laufbahn als Polizeibeamter eingeschlagen, seit 2019 ist er als Polizeidirektor Leiter der Polizeiinspektion Rotenburg. Nach dem Studium von 89 bis 92 zum gehobenen Dienst war er anschließend Dienstabteilungsführer in Zeven; nach einem weiteren Studium zum höheren Dienst kehrte er 2001 als Leiter des Zentralen Kriminaldienstes nach Rotenburg zurück. 2009 wechselte er zur Polizeidirektion Lüneburg als Leiter des Personaldezernates. 2015 wurde er Leiter der Polizeiinspektion in Stade. Jetzt peilt er den Bürgermeister-Posten an.

Quelle: Kreiszeitung.de

Foto: Menker