Torsten Oestmann, Leiter der Polizeiinspektion

Rotenburg – Statistiken allein reichen oftmals nicht. In vielen Fällen sind Erklärungen erforderlich, um die Zahlen am Ende einordnen und relativieren zu können. Die Polizeiinspektion Rotenburg liefert dafür ein gutes Beispiel und legt am Mittwoch die Kriminalitätsstatistik für das vergangene Jahr vor. Kernpunkt: Die Aufklärungsquote ist so hoch wie nie – statistisch gesehen haben die Beamten im vergangenen Jahr sieben von zehn Straftaten aufklären können.

  • Aufklärungsquote kratzt an der 70-Prozent-Marke
  • Deutlich weniger Einbrüche im Landkreis Rotenburg
  • Gewalt gegen Beamte nimmt weiter zu

Polizei-Chef Torsten Oestmann freut sich über den Rekordwert von 69,54 Prozent. Eine Zunahme von neun Prozent. „Das erfüllt mich mit Stolz auf die Arbeit der Kollegen“, sagt er. Schließlich spreche man über ein herausforderndes und gleichermaßen belastendes Jahr 2020, das auch für die Polizisten unter dem Eindruck der Corona-Pandemie stand. „Das ist nicht einfach, denn eigentlich arbeiten wir sehr teamorientiert“, erklärt er. Diese Teamarbeit sei aber nach wie vor an vielen Stellen nur mit Einschränkungen möglich.

Mit der Aufklärungsquote allein ist es allerdings bei Weitem nicht getan, um zu dokumentieren, wie sich die bekannt gewordenen Straftaten entwickelt haben – und warum das so war. Ein Beispiel: Die Zahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist sprunghaft von 188 auf 556 Fälle angestiegen.

„Das müssen wir erklären“, sagt Oestmann, der die Statistik zusammen mit dem Rotenburger Kripo-Chef Fabian Bernert vorstellt. Denn: Allein mehr als 350 dieser Taten sollen auf das Konto eines 23-jährigen Mannes gehen, der im Raum Zeven zu Hause ist. Ihm werfen die Beamten vor, anzügliche Texte und Fotos nicht nur an Erwachsene, sondern auch an Kinder und Jugendliche per Smartphone über unterschiedliche Messanger-Dienste verschickt zu haben. Im Bereich Bremervörde habe man es ebenfalls mit einem Tatverdächtigen zu tun, dem mehrere solcher Taten zugeschrieben werden.

Ein deutlicher Zuwachs hier, ein ebenso deutlicher Rückgang der Straftaten an ganz anderer Stelle: Die sogenannten Diebstähle unter erschwerendem Umständen – dazu gehören auch Wohnungseinbrüche – sind von 1 149 Fällen im Jahr 2019 auf 864 gesunken. Bei den Wohnungseinbrüchen allein verzeichneten die Beamten einen „Einbruch“ von 40 Prozent. Und: Fast jeder dritte Wohnungseinbruch ist aufgeklärt worden. Immerhin noch 36,6 Prozent betrage der Rückgang in Sachen schweren Diebstahl von Fahrrädern. Rückgänge also, die man in normalen Jahren vielleicht mit einer erfolgreichen Prävention in Zusammenhang bringen würde – doch Oestmann und Bernert führen diese Entwicklung auf die Corona-Pandemie zurück. Die Menschen sind mehr zu Hause, und außerdem seien ganz offensichtlich weniger „reisende Täter“ unterwegs.

Die Anzahl der polizeilich bekannt gewordenen Straftaten ist 2020 leicht um 138 auf 8 644 gestiegen. Oestmann: „Trotz des Anstiegs ist die Anzahl im Zehn-Jahres-Vergleich weiterhin auf einem niedrigen Niveau.“ Interessant ist auch die Verteilung der Straftaten im Landkreis: Während die Zahl der Taten im Südkreis um 182 auf 4 174 gesunken ist, sei sie im Bereich Zeven und auch im Nordkreis angestiegen.

Kriminalität ist überwiegend männlich: Von den 4 029 Tatverdächtigen, die der Polizei 2020 ins Netz gegangen sind, gehören 77,61 Prozent zum starken Geschlecht. 3,59 Prozent der mutmaßlichen Täter sind jünger als 14 Jahre, knapp zehn Prozent sind Jugendliche bis 18 Jahren, Heranwachsende sind mit einem Anteil von ebenfalls fast zehn Prozent vertreten, und drei von vier Tätern sind älter.

Bei den sogenannten Straftaten gegen das Leben gab es neun Fälle im vergangenen Jahr. Einmal ging es um Mord, in vier Fällen leiteten die Beamten Ermittlungen wegen Totschlags ein, zwei Mal wegen versuchten Totschlags, einmal wegen versuchten Mord und einmal wegen versuchter Tötung auf Verlangen. In der Statistik tauchen vier weitere Fälle auf – diese hatten sich 2019 ereignet, sind aber erst 2020 zu Ende ermittelt worden, erklärt Fabian Bernert.

Unter der Überschrift „Entwicklung ausgewählter Delikte“ geht Oestmann in der Statistik zunächst vor allem auf die „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamte“ ein – ein Bereich, der zunimmt und dem Polizeichef sowie seinen rund 300 Kollegen zunehmend Sorge bereitet. Die Hemmschwelle den Beamten gegenüber sinke weiter. 71 Fälle hat es gegeben – acht mehr als im Jahr zuvor. Die Täter schlagen und treten, aber in 16 Fällen nutzten sie auch gefährliche Gegenstände wie Messer und Schlagwerkzeuge. Zehn Kollegen haben sich dabei verletzt. „Ich bin heilfroh, dass es keine schwersten Verletzungen waren“, so Oestmann.

Dennoch: Gewalt gegen die Beamten – und inzwischen auch gegenüber Rettungsdienstmitarbeitern sowie Feuerwehrleuten – machten ein zunehmend systematisches Einsatztraining erforderlich. Der Polizei-Chef: „Unsere Waffe ist das Wort.“ Problem dabei: Meistens seien Alkohol und Drogen im Spiel. Und wenn es dann um eine Bedrohung mit zum Schlagwerkzeugen oder Messern geht, sei nicht immer garantiert, dass Worte allein helfen. Zum Waffengebrauch der Beamten musste es glücklicherweise nicht kommen. Oestmann: „Die Kollegen sind ruhig geblieben.“

Passende Worte zu finden, wenn es um häusliche Gewalt geht, ist genauso schwer. „In einem Fall waren die Kollegen wirklich fassungslos“, berichten Oestmann und Bernert. So sei es allein in einer Familie zu 15 Fällen gekommen, bei zwei Familien im Raum Bremervörde sogar zu 20 Taten. Das sogenannte Hellfeld – also die Zahl der bekannt gewordenen Fälle – bilde nicht die wirkliche Lage ab, sagen die Experten. Nicht zuletzt deshalb soll landesweit schon bald eine entsprechende Dunkelfeld-Studie starten. 387 Fälle von häuslicher Gewalt hat die Polizei 2020 im Landkreis registriert – fünf mehr als im Jahr zuvor. Während die Zahl dieser Straftaten im Südkreis um 28 und im Raum Zeven um sechs gesunken ist, gab es im Nordkreis eine Zunahme von 39 Fällen dieser Art. Vielfach sei festzustellen, dass es unter dem Einfluss von Alkohol zur häuslichen Gewalt komme, heißt es.

Kinderpornografie – „kaum noch zu bewältigen“

Es gibt Entwicklungen, die Torsten Oestmann beim Blick auf die Kriminalitätsstatistik durchaus freuen. Da tauchen allerdings auch Bereiche auf, die ihm Sorgen bereiten – „die Kinderpornografie ganz besonders“, sagt der Polizei-Chef. „Dem müssen wir Herr werden“, fügt er hinzu, um gleich darauf die Bemühungen in der Polizeiinspektion Rotenburg darzustellen. Inzwischen sind vier Kollegen ausschließlich mit diesem Feld der Kriminalität beschäftigt, das die Schwächsten in unserer Gesellschaft schlimm trifft. „Eine hoch belastende Tätigkeit, die kaum noch zu bewältigen ist“, sagt Oestmann. Nicht zuletzt deshalb sei die Übernahme dieser Aufgabe nicht nur freiwillig, sondern auch mit Angeboten zur Supervision gekoppelt. Man denkt schon über personelle Verstärkung nach. Denn: Es sind Unmengen an Daten – Fotos und Videos – die zu sichten sind. Wie kommen diese bei den Experten auf den Tisch? Fliegt irgendwo ein Netzwerk auf, kann es Hinweise auf Beteiligte im Landkreis geben. Die Polizei durchsucht Wohnungen, beschlagnahmt Speichermedien. Dann beginnt die eigentliche Arbeit – um zu klären, ob es sich um strafbares Material handelt und Gefahr besteht, dass jemand im hiesigen Bereich für dargestellte Missbrauchsfälle infrage kommt. „Es geht um Daten im Terabyte-Bereich.“

Quelle: Kreiszeitung.de

Foto: Menker